Zwölf Fragen und elf Antworten zu dem bewegenden Thema: Was Sie schon immer über Schlaraffia (nicht) wissen wollten. 

 

Sind Sie ausgeschlafen? Bestimmt nicht nur deshalb, weil Sie vergangene Nacht auf einer Schlaraffia-Matratze vom Schlaraffenland geträumt haben. Sie sind es, weil Sie gerade beginnen, etwas über den skurrilsten, schönsten, witzigsten, liebenswertesten, verrücktesten Männerbund der Welt zu erfahren. Lesen Sie, was Sie schon immer über Schlaraffia nicht wissen wollten - in zwölf Fragen und elf Antworten. Die letzte Antwort müssen Sie sich selbst geben.  

Was ist eigentlich Schlaraffia? Ein Beispiel: Sie stehen am offenen Portal einer mit vielen Wappen, brennenden Kerzen, prächtigen Bildern geschmückten Halle. Vor Ihnen, in zwei langen Reihen, Männer mit bunten Kappen und einer blauen Schärpe, manchmal auch mit einem farbigen Mantel bekleidet. Ein Zeremonienmeister ruft Ihren Namen in den Saal, und während Sie nun durch das Ehrenspalier schreiten, schlagen die Herren ihre erhobenen Holzschwerter (richtig!) gegeneinander und brechen für Sie in Jubelrufe aus; Musiker schmettern Fanfaren. Am Ende stehen Sie vor einem Thron, wo drei weitere Herren, gleichermaßen gekleidet, Sie wortreich und mit Charme und Witz begrüßen. Das ist der Beginn jedes Treffens von Schlaraffen - und doch nur ein kleiner Teil von Schlaraffia selbst. 

Was will Schlaraffia? Nichts. Der Bund kennt keine Ziele. Außer vielleicht einen frohen Abend mit Freunden zu verbringen, indem man gemeinsam ein Spiel spielt. Allerdings verläuft dieses Spiel nach festen Regeln - wie jedes andere auch. Die gerade geschilderte Begrüßung ist eine davon. Spaß lässt sich am leichtesten finden, wenn man bei der Sache ist, mitspielt, vielleicht eine Geschichte erzählt, ein Lied vorträgt, Verse schmiedet, malt, auf einem Instrument spielt, zaubert, schnitzt, Videos dreht, auch mal eine kesse Lippe riskiert. Kürzlich „ritt" einer auf einem hölzernen Steckenpferd die für Reiter international anspruchsvolle A-Dressur als perfekte Pantomime. Riesenbeifall. Und wenn`s misslungen wäre? Auch Riesenbeifall. Allein der Versuch ist es wert. Man spielt doch unter Freunden. Humor hat der, der trotzdem lacht. Aber auch der stille Zuhörer trägt zum Gelingen des Abends bei: sein Applaus ist der wichtigste. 

 

Ratisbona Uhu neu

  Auch in der Ratisbona sippen die Schlaraffen unter den 

  strengen Augen des UHU. 

 

Wie wird man Schlaraffe? Sie kennen einen, der einen kennt, der einen kennt, der Schlaraffe ist und Sie zu einem solchen Abend einlädt. Sie können aber auch gleich anrufen (Telefonnummer unten) und sich anmelden. Vorsicht! Damit Sie später nicht sagen können, Sie seien nicht gewarnt worden: Wenn Ihnen der Besuch gefällt, ändert sich Ihr Leben schlagartig. Sie werden süchtig. Ihr bisheriger Alltag erscheint Ihnen profan und langweilig. Als Gast freuen sie sich schon auf den nächsten Besuch. Wenn Sie sich dann entschieden haben, Schlaraffe zu werden, nehmen sie über mehrere Stufen aktiv an unserem Spiel teil und lernen es dabei kennen. Sie sind zunächst Knappe, dann Junker und als ein Höhepunkt im Schlaraffenleben erfolgt schließlich der feierliche Ritterschlag. 

Kann auch ich Schlaraffe werden? Jeder kann. Er sollte einen ordentlichen Job für ein geregeltes Einkommen haben und unbescholten sein. Das ideale Alter Schlaraffe zu werden ist ein Alter zwischen 40 und 50, aber viele haben auch erst im Seniorenalter über 70 zu den Schlaraffen gefunden. Hier noch einmal zurück zum Spiel, zu Kunst, Humor und Freundschaft: Diese drei Ideale sollten jedem Schlaraffen am Herzen liegen. Die Gründerväter haben sie wohlweislich auf Schlaraffias Fahne geschrieben. Und um sie nicht zu gefährden, redet keiner jemals über Politik oder Religion (Ansonsten über alles, nur nicht über fünf Minuten).

Wer hat Schlaraffia gegründet? Es waren deutsche Künstler. Mitte des 19. Jahrhunderts machten sie in Prag das "Königlich Deutsche Landestheater" zu einer der renommiertesten Bühnen; privat verkehrte man in der etwas hochgestochenen Künstlervereinigung "Arcadia". Als dort das böse Wort vom "Proletarier" fiel, weil ein Ensemblemitglied aufgenommen werden sollte, trat der Intendant aus und gründete spöttisch den "Proletarier-Club". Daraus ging kurze Zeit später - am 10. Oktober 1859 - Schlaraffia hervor. Es war die Zeit nach Metternich, der k. u. k. Monarchie und der deutschen Kleinstaaterei. Der Spott auf die Arcadia wuchs sich aus zum Spott auf die herrschenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Eine Persiflage in der Form eines Ritterspiels, bei dem man höfisches Zeremoniell gespreizt und übertrieben nachäffte.

Wird das Ritterspiel auch heute gespielt? Seine Regeln gelten unverändert, weil es - übertragen auf moderne Verhältnisse - seine Berechtigung nicht verloren hat. Und vor allem: weil sich Schlaraffen nicht allzu ernst nehmen. Das Ehrenspalier, das Sie gerade durchschritten haben, wurde also von nicht ernst gemeinten und mit Holzschwertern bewaffneten Rittern gebildet, die keine Schärpen sondern "Bandelier" trugen, und natürlich auch keine Kappen, sondern "Ritterhelme". Und wenn Sie etwas genauer hingesehen hätten, wären Ihnen vielleicht augenzwinkernd der Direktor Ihrer Sparkasse, Ihr Apotheker, der Oberstudienrat Ihres Sohnes und der Installateur aufgefallen, der letzte Woche Ihre Heizung repariert hat. Manchmal liest sich die Liste der Schlaraffen wie ein "Who is who" der Stadt, in der sie sich treffen.

Warum ist Humor so wichtig? Damit es mehr als zehntausend Schlaraffen in aller Welt miteinander aushalten. Über sich selbst lachen zu können, ist ein Geschenk, auch ein Zeichen von Weisheit. Wem es nicht in die Wiege gelegt wurde, muss sich diese kostbare Fähigkeit erarbeiten. Grund genug, weshalb Schlaraffen beim Humor keinen Spaß kennen. 

Gibt es mehr Schlaraffen? In insgesamt 261 Städten auf vier Kontinenten gibt es mehr als 10.000 Schlaraffen. Die Gruppen nennen sich "Reyche", die sich in ihren "Burgen" (mit dem oben beschriebenen Rittersaal) zum "sippen", also zu ihrem fröhlichen, ungezwungenen Spiel treffen. Die Sprache ist in allen Ländern Deutsch. In Regensburg spielen Schlaraffen regelmäßig schon seit über 135 Jahren. 

Was tun Schlaraffen, wenn sie "sippen"? Die Schlaraffen haben ihr eigenes, sehr umfangreiches Liedgut, dessen Lieder sie voller Begeisterung beim gemeinsamen Gesang in ihren Sippungen "hinaus schmettern". Weiterhin tragen sie ihre meist selbst verfassten Beiträge in Reimen oder Prosa vor, musizieren, oder führen gar ganze Theaterstücke nach eigenen Texten auf. Und sie warten, nein, sie lauern darauf, dass mancher einen Geistesblitz in die Menge schleudert, ein provozierendes Bonmot, oder einfach nur ein freches Narrenwort. Dieser Geistesblitz, der "güldene Ball", wird lustvoll aufgenommen und mit Witz weitergespielt, bis sich unter Gelächter das Thema erschöpft und der nächste Funke überspringt. Einer erhob deshalb Schlaraffia zum "Schlaraffenland des Geistes".  

Welche Rolle spielen die Frauen? Keine - und gerade deshalb eine der wichtigsten: Schlaraffia ist ein reiner Männerbund, Ehefrauen oder Freundinnen (schlaraffisch: Burgfrauen und Burgwonnen!) dürfen höchstens einmal pro Winterung an einer besonderen Sippung teilnehmen. Aber: Welcher Schlaraffe könnte auf Dauer seine Freizeit dem Spiel opfern, wenn seine Frau dafür kein Verständnis hätte. Jeden Freitag (in der Winterung) treffen sich die Regensburger Ritter in der "Barbaraburg", der Burg ihres Reyches "Ratisbona". Die Straubinger tun es am Dienstag, Amberger donnerstags, in Landshut „sippt“ man ebenfalls am Freitag und in Weiden und in Passau am Montag - um nur die Reyche in der Oberpfalz und in Niederbayern zu nennen. Und in jedem Reych wird jeder Schlaraffe auf das Herzlichste willkommen geheißen (siehe Ehrenspalier); er wäre also - wenn er wollte - außer am Wochenende an keinem Abend zuhause. Da müssen Frauen viel Geduld aufbringen.

Was ist eine "Winterung"? Vielleicht die klügste Entscheidung der Prager Gründer: Schlaraffen treffen sich nur an sieben Monaten im Jahr, in der "Winterung" von Anfang Oktober bis Ende April. An den übrigen fünf, der "Sommerung", bleiben die Burgen geschlossen, gehört also Papi der Familie. Zeit genug, damit sich Unmutsfalten auf Frauenstirnen wieder glätten können. Nun verabredet man sich zwanglos zum Abendessen, zu Ausflügen, zu irgendwelchen Events; dann aber sind immer auch die Frauen dabei und stehen dann gebührend im Mittelpunkt.  

Wann werden Sie Schlaraffe? Da man Schlaraffia mit Worten nur unzulänglich beschreiben kann - man muss es selbst erleben - sollten Sie diese Frage nach einem baldigen Besuch als herzlich willkommener Gast selbst beantworten.  

 

Noch ein paar geschichtliche Hintergründe  

Schlaraffia wurde 1859 in Prag, das damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte, gegründet. Die Toleranzlosigkeit des 19. Jahrhunderts war dabei der treibende Faktor bei der Entstehung. Ein nobler Künstlerverein, dem auch Angehörige des habsburgischen Kaiserhofes angehörten, verweigerte einem bekannten Künstler des Deutschen Theaters in Prag, die Mitgliedschaft.  Dessen deutsche Theaterkollegen werteten dies als einen willkürlichen Akt der Überheblichkeit und Arroganz. Aus Protest gründeten sie deshalb ihren eigenen Künstlerstammtisch. Das war die Geburtsstunde der „Schlaraffia“, der Name übrigens ohne eine feste Bedeutung.

So entstand mit der Schlaraffia ein zeitloses Spielfeld für Männer, die in enger Freundschaft Humor pflegen und sich im weitesten Sinne aktiv oder passiv der Kunst widmen. Dabei zielen sie im Rahmen eines fröhlichen Spieles auf die Willkür und Gehabe der Obrigkeiten und nehmen insbesondere sich selbst auf die Schippe. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges im Jahre 1914 wuchs die Schlaraffia zu 197 Vereinen hauptsächlich in Deutschland und Österreich, aber auch in Nordamerika (San Francisco, New York, Newark, Chicago, Milwaukee, Cincinnati, Philadelphia, Jersey City, Cleveland, New Haven, Boston, Buffalo, Clifton, Washington und Denver) und anderen Europäischen Ländern, überall dort, wo deutschsprachige Künstler und Vereine tätig waren. Es gab sogar Vereine in China, Japan, Neuseeland, Ägypten und den Randgebieten der beiden Kaiserreiche Deutschland und Österreich. Schlaraffia entwickelte sich zu einer internationalen Gesellschaft mit steigendem Bekanntheitsgrad und Anerkennung. Bedauerlicherweise änderte der Krieg dieses Bild sehr schnell. Viele Vereine im Nachkriegseuropa aber auch in Übersee mussten  aus politischen Gründen schließen. 

Zum ersten Mal in der Geschichte seiner Existenz musste Schlaraffia der Politik Tribut zahlen. Der Schlaraffische Gedanke lebte weiter und trotz aller Schwierigkeiten entstanden über 100 neue Vereine in der Zeit zwischen 1919 und 1937,  hauptsächlich in Deutschland und den neuen osteuropäischen Ländern. Im Jahre 1937 trifft Schlaraffia ein neuer, existenzgefährdender Schlag, als Hitler die Auflösung aller Schlaraffia Vereine in Deutschland und Österreich anordnet. Danach waren nur noch die Vereine in der Schweiz und in Nord- und Südamerika aktiv. Einige Vereine in Deutschland setzten trotz des Verbotes den Vereinsbetrieb in lockerer Form im Privatem oder getarnt als Stammtisch fort. Nach dem Krieg konnten sich die Mitglieder in Ostdeutschland weiterhin nur im Geheimen  treffen, da das Organisationsverbot von den Kommunisten aufrechterhalten wurde.

Heute zählen wir in aller Welt wieder mehr als 260 Vereine (Reyche) sowie einige Colonien, Feldlager und Stammtische mit mehr als 10.000 Mitgliedern. In den "Neuen Bundesländern" sind fast alle alten Reyche wiedererstanden. Überall wird auf die gleiche Weise "gesippt".  Das nördlichste Reych besteht heute in Stockholm, das südlichste in Buenos Aires. Am Pacific bilden Los Angeles und San Francisco eine Grenze, die andere liegt in Bangkok und Perth.

 Rtt. Chipsy und Cresco (12)